Geschrieben von theneurolinguist - 5. April 2009
Die Forschung zur Wirksamkeit von Aphasietherapie hat gezeigt, dass eine der entscheidenden Variablen die Intensität der Therapie ist (vgl. Bhogal et al 2003). Jener Teil der dort referierten Untersuchungen, in denen kein signifikanter Therapieerfolg nachgewiesen werden konnte, zeigte Versuchsanordnungen, in denen die Therapie niederfrequent und über einen längeren Zeitraum hinweg abgegeben worden war. Wurden die Therapien hingegen mit höherer Frequenz durchgeführt, stellten sich in der Regel auch signifikante Therapieeffekte ein.
Verschiedene Konzepte für Aphasie-Intensivtherapie wurden entwickelt – zum Teil sind sie deutlich älter als unsere Ausgangsfragestellung. Das spricht natürlich nicht gegen diese Konzepte … (sondern allenfalls dafür, einmal gesondert die Frage nach der sinnvollen Ausgestaltung des Begriffs einer “evidence based therapy” im Bereich der Sprachtherapie zu behandeln … )
Orte im deutschsprachigen Raum, an denen solche Intensivprogramme durchgeführt werden, sind (u.a.?) die Universitätsklinik in Aachen (Poeck et al. 1989), die neurologische Rehabilitationsklinik in Füssen (vgl. Schlenck & Perleth 2004) und das Umfeld der Konstanzer Gruppe, die in den letzten Jahren über CIAT publiziert hat (vgl. Barthel 2005, Meinzer 2004; Meinzer et al 2005, Streiftau 2006).
Seit einiger Zeit gibt es nun auch in der Schweiz – an der Reha Rheinfelden – ein solches Konzept “NITA - Neurolinguistische Intensiv-Therapie für Aphasie”.
Der dort erarbeitete Ansatz kombiniert verschiedene Elemente, die sich in unterschiedlichen Therapiekontexten als besonders wirksam gezeigt haben. Die Patienten erhalten über sechs Wochen hinweg an fünf Tagen jeweils 1) eine Stunde Einzeltherapie, 2) eine Stunde Therapie in der Gruppe und 3) ein angeleitetes Eigentraining mit vorstrukturiertem Übungsmaterial, dessen Umfang ebenfalls auf eine Stunde täglich ausgelegt, aber nicht beschränkt ist.
Diese drei Behandlungsformen sind nun auf besondere Weise aufeinander abgestimmt:
- Die Einzeltherapie setzt an bei den kommunikationsrelevanten Einschränkungen der systemsprachlichen Fähigkeiten des einzelnen Patienten. Diagnostik und Therapie erfolgen theorieorientiert. Hier steht also das ganze Spektrum sprachtherapeutischer Möglichkeiten zur Verfügung, aus denen reflektiert und modellgeleitet ausgewählt wird. (Vgl. Barthel 2005, die ihre verdienstvolle Systematisierung des aufgeklärten “common wisdom” der Sprachtherapeuten als “Modell-Orientierte Aphasie-Therapie – MOAT” mit dem CIAT-Ansatz bzgl. der Wirksamkeit vergleicht.)
- In der Gruppentherapie hingegen wird nach dem CIAT – Ansatz gearbeitet (eine kurze Einführung in die “Constraint Induced Aphasia Therapy” findet sich in Streiftau 2006). Dies sichert grösstmögliche sprachliche Aktivität aller Gruppenteilnehmer, das Einüben von gesprächsrelevanten Sequenzen und die genaue Steuerung des Skopus jeder Einzelübung über das strukturierte Material. (Soweit mir bekannt, gibt es noch kein publiziertes CIAT-Bildmaterial. Die Herstellung des Materials nach sinnvollen linguistischen und pragmatischen Kriterien ist für das Gelingen einer CIAT-Behandlung aber sicherlich ein entscheidender Faktor. Als gutes Startpaket haben sich erwiesen: Kartensets (12 x 2 Karten) für verschiedenen Typen von Nomina; für Verben - je eigene Sets zu den verschiedenen Wertigkeiten der Verben usw. – Auch kleine ‘Gags’ können sinnvoll sein: Die beiden Sets mit Autos und Motorrädern verschiedener Marken waren in einer Gruppe (mit männlichen Teilnehmern) sehr beliebt und halfen dort, das strukturierte Beschreiben zu üben …)
- Das Eigentraining greift das Material aus der Enizel- und der Gruppentherapie auf. Dazu steht in Rheinfelden eine Software-Anwendung zur Verfügung, in der vorhandenes Bildmaterial mit Schrift und auch Barcodes (für das B.A.BAR-Gerät) kombiniert, zu Aufgaben unterschiedlichen Typs zusammengestellt und in frei definierbaren Ausgabeformaten ausgedruckt werden kann. So lassen sich die drei verschiedenen Therapieformen optimal miteinander verbinden. (Das erwähnte B.A.BAR-Gerät erlaubt Spracheingaben, denen ein Barcode zugeordnet wird. Bei erneutem Einlesen des Codes ertönt dann jeweils die zuvor aufgenommene Sprachsequenz.)
NITA wird in Rheinfelden in der Regel erst nach einer vorgängigen medizinischen und neurolinguistisch-logopädischen Abklärung empfohlen: Im Rahmen der Untersuchung wird die Indikation überprüft, eine baseline erhoben und eine erste Zielformulierung für eine allfällige Therapie vorgenommen.
(Überarbeitet April 2010, Links überprüft April 2012)
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Literaturhinweise
Barthel, Gabriela 2005. Modellorientierte Sprachtherapie und Aachener Sprachanalyse: Evaluation bei Patienten mit chronischer Aphasie. Diss. Univ. Konstanz. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:352-opus-16281
Barthel, G.; Meinzer, M.; Djundja, D.; Rockstroh, B. 2008. Intensive language therapy in chronic aphasia: Which aspects contribute most? Aphasiology 22(4):408 – 421.
Bhogal, S. K.; Teasell, R.; Speechley, M. 2003. Intensity of Aphasia Therapy, Impact on Recovery. Stroke 34:987-993.
Meinzer, Marcus 2004. Neuropsychologische und neurophysiologische Aspekte intensiver Sprachtherapie bei chronischer Aphasie. Diss. Univ. Konstanz. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:352-opus-13027
Meinzer, M.; Djundja, D.; Barthel, G. et al. 2005. Long-Term Stability of Improved Language Functions in Chronic Aphasia After Constraint-Induced Aphasia Therapy. Stroke 36:1462 – 1466. http://stroke.ahajournals.org/cgi/content/full/36/7/1462
Poeck, K.; Huber, W.; WIllmes, K. 1989. Outcome of intensive language treatment in aphasia. J of Speech and Hearing Disorders 54:471-479.
Pulvermüller, F.; Berthier, M.L. 2008. Aphasia therapy on a neuroscience basis. Aphasiology, 2008, 22 (6), 563–599. Zum Download, auf der Seite muss man die Form des Artikels noch auswählen – pdf oder html.
Pulvermüller, F.; Neininger, B. et al. 2001. Constraint-Induced Therapy of Chronic Aphasia After Stroke. Stroke 32:1621-1626. Download.
Schlenck, K.-J.; Perleth, S. 2004. Langzeitverlauf bei Aphasie und der Effekt von Sprachtherapie in der chronischen Phase. Die Sprachheilarbeit 49:269-275.
Streiftau, Silke. 2006. Realisierung der Constraint – Induced Aphasia Therapy (CIAT) durch Laientherapeuten. Diplomarbeit. Universität Konstanz: Fachbereich Psychologie. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:352-opus-22581
Download zum Thema
Locher, Seraina. 2008. Rückbildung von Aphasien und Wirkung von Sprachtherapie. Referat im 2. Jahreskurs, Major Clinical Medicine Wahlmodul 3 „Gehirn und Sprache“, Med. Fak. der Univ. Basel.
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